kindlich sein

Folgendes bekam ich vor ein paar Tagen als Nachricht: „Ich habe den Eindruck, dass du teilweise kindlich bist; wie siehst du es ?“

Zunächst war ich etwas überrascht und auch ein wenig schockiert, das meine Sprache, meine Wortwahl, mein Denken und Fühlen so auf andere Menschen wirken.

Nach einem kurzen Moment fielen die Gedanken von mir ab und es gesellten sich Neue zu ihnen.

„Klar, ich wurde zehn Jahre lang mit Ritalin vergew****gt und das hat sicher seine Spuren hinterlassen, psychisch, emotional, physisch. Aber meint diese Person das damit? Dass ich irgendwie zurückgeblieben bin? Worum könnte es sonst gehen?“

Und dann kam ein weiterer Gedanke dazu:“Es könnte ja sein, dass sie das kindlich-unschuldige meint, das unbedarfte, unbekümmerte. Und ich antwortete dann: „Oh ja, ich bin sehr viel Kind. Und manchmal bin ich viel zu ernst und alt wie ein Baum.“

Ich trage beides in mir, das kleine, unbedarfte Kind und den schützenden, eigenverantwortlichen Erwachsenen. Und manchmal switche ich wohl auch in meiner Sprache zwischen beiden hin und her, ohne es zu bemerken. Ich liebe Anglizismen und ich hasse es, wenn Menschen die deutsche Sprache verhunzen. Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Nun, ja und nein. Ich liebe es Kind zu sein und dann benutze ich Umgangssprache, schreibe ganze Sätze in Englisch statt Deutsch (und mache danach auf Deutsch weiter) oder kürze Wörter ab und benutze viele Smileys.

Dann wieder achte ich auf korrekte Grammatik und Rechtschreibung, überprüfe jedes Wort drei Mal  und bin ein totaler Rechtschreibnazi.

Und manchmal bin ich beides, ohne es zu bemerken und ohne zu wissen, wie das miteinander kompatibel wäre. Geht aber und ist dann auch „voll mein Ding, Alter!“. Und dann gibt es seltene Momente, da achte ich nicht auf Rechtschreibung, Groß- und Kleinschreibung und werfe jede Grammatikregel über den Haufen, die ich kenne.

 

Das nur mal als ein Beispiel von vielen, das deutlich machen soll, das ein kleines, unbedarftes Kind in mir wohnt, das welches sich um nichts einen Kopf macht und das einfach nur Spaß am Leben haben will. Und GLEICHZEITIG gibt es da den Erwachsenen, der inzwischen etwas konservativ ist, vieles ablehnt, was er nicht kennt und oft viel zu ernst durch die Welt geht, ohne die kleinen und großen Freuden links und rechts von sich zu beachten. Und ich nenne diesen Anteil gerade den Erwachsenen, tatsächlich ist er aber nicht erwachsen. Er ist lediglich das Bild unserer Gesellschaft davon, wie ein Erwachsener sein sollte.

Erwachsen zu sein bedeutet für mich viel mehr, für seine Taten, Gefühle und Worte Verantwortung zu übernehmen. Sich einzugestehen, wenn ich einen Fehler gemacht habe. Nicht drei Stunden über Winzigkeiten zu streiten und einfach auch mal „fünfe gerade sein lassen“. In dem Sinne ist der Anteil meines Kindes also viel „erwachsener“. Er ist im hier und jetzt und hält sich eben nicht im Gestern auf.

Dennoch lasse ich die Benennungen mal so. Aber vielleicht können wir sei irgendwann aufheben, müssen nicht mehr benennen. Weil beide Anteile wichtig sind in gewissem Maße. Das „Kind“ steht für Kreativität, Neues zu entdecken, für eine offene Welt. Der „Erwachsene steht für Geborgenheit, Sicherheit, Altbekannte Werte (und nicht jeder davon ist so übel 😉 ).

 

Beide haben also ihre Daseinsberechtigung und ich freue mich gerade unendlich, dass die sich so oft abwechseln und ich beide Anteile immer ganzheitlicher werden lasse. Beide vereinen sich ja letztendlich in mir.

Und ich werde zukünftig schauen, meinem Kind noch mehr dabei zuzuschauen, wenn es spielt. Es einfach machen lassen. Und meinem Erwachsen öfter mal zeigen, dass alles so okay ist, wie es eben gerade ist.

Die Zeit für Kreativität, für mein Kind, ist immer JETZT. Eine Zeit dafür zu finden ist unmöglich, sie findet dich. Wenn ich nachts wach gehalten werde von Ideen, dann müssen die auf Papier oder auf facebook. Sonst plagen mich nachts Alpträume und ich schlafe unruhig. Und dann kann es wieder sein, dass Wochen und Monate nichts passiert. Was mich angeht, kann ich das null beeinflussen. Meine Kreativität lässt sich nicht erzwingen. Eine bestimmte Zeit am Tag auszuwählen, in der der ich mich hinsetze und etwas zu Papier bringe, funktioniert für mich nicht. Also wenn es da ist, will es raus. Und die Angst, es darf nicht da sein, schwingt oft mit. Aber inzwischen mehr so leise im Hintergrund. Ich muss doch kochen, ich muss doch einkaufen, ich muss doch meiner Frau gerecht werden und sie gerade unterstützen, ich muss doch Geld verdienen, ich bin nicht genug, ich kann das nicht, was ich da schreibe, will eh keiner lesen. Diese Angst ist da und sie zeigt sich meist in Form von Schweißbächen, die meinen Körper runterlaufen. Auch jetzt Und das ist okay,es ist nur mein Erwachsener, der gelernt hat, sich selbst niederzureden. Er muss doch aufpassen, darf keinen Fehler begehen. Muss die Fassung bewahren.

 

Doch, er darf Fehler begehen. Ich darf. Du darfst. Du musst sogar ab und an. Lebe. Sei. Mit der Angst, der Freude, mit der Begeisterung. Einfach mit allem, was da ist. Küsse sie, umarme sie, sei mit ihnen. Spiele, lass Seifenblasen fliegen, atme sanft in den Tag oder die Nacht hinein. Und wenn du dir Gedanken über die Worte oder vermeintlichen Gedanken anderer machst, lache darüber, lache mit dir. Schreibe darüber. Oder erzähle der Person von deinen Gedanken. Ich tue dies hiermit.

 

In Liebe

 

Dein Sanfter Krieger

 

Foto: pixabay/ddimitrova

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